Pan'ki -(draft without illustrations) Working and Living Social Change in Eastern Poland, a village study 1864 - 2000
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Pan'ki -(draft without illustrations) Working and Living Social Change in Eastern Poland, a village study 1864 - 2000
- Usage
- CC0 1.0 Universal


- Topics
- Pan'ki, Bialystok, Poland, Working, Living, Social Change, Eastern Poland, a village study, 1864 - 2000
- Collection
- opensource
- Language
- English
- Item Size
- 493.4M
This is a draft version, completed in April 2001, for this template all photos have been cut out, which is a pity, they are a good counterpart for the argument in the text,
please contact the author for comments, suggestions and the illustrated version
Martin Kraemer Liehn
ul. Shaumjana 8-2
UKR-04111 Kiev
Ukraine
Tel.. landline +38 044 449 07 01
Email:
panki (at) riseup.net
Das Forschungsvorhaben PaÅki - ein ostpolnisches Dorf 1900 - 2000" beschäftigte sich mit der Mikrogeschichte allgemeiner historischer Wandlungsprozesse über ein Jahrhundert. Im Mittelpunkt der Darstellung seiner Ergebnisse stehen die sozialen Beziehungen, die Landbewirtschaftung, sowie kollektive und individuelle Selbstverständnisse, wie sie in der Gemeinde PaÅki als Reaktion auf sukzessive Phasen verschiedener Integrationsversuche und ihrer strukturellen Konsequenzen in diesem Jahrhundert entwickelt wurden. Eine für Osteuropa selten günstige Quellenlage erlaubte, anhand von PaÅki, die im westeuropäischen Kontext etablierte Form moderner Gemeindestudien auf neuem Terrain zu erproben. Anhand von demographischen und ökonomischen Basisrecherchen (Familienrekonstruktion, ökonomische Aktivitätsprofile, Landstrukturdaten) wurde ein Bezugssystem etabliert, in dem sich komplexere soziale Prozesse, alltagsgeschichtliche Befunde bis hin zu Beobachtungen aus der Entwicklung materieller Kultur und prosopographischer Dialektik verortet werden können. Auf diese Weise wird ein umfassendes Bild dokumentierbar, in dem das Leben eines landwirtschaftlich geprägten ostpolnischen Dorfes und seine grundsätzlichen Veränderungen im vergangenen Jahrhundert zur Darstellung kommen.
Das Eingangskapitel skizziert Entwicklung und Stand projektrelevanter polnischer Dorfhistoriographie, sowie die methodisch richtungsweisenden Impulse moderner Mikrogeschichte. Anhand methodisch richtungsweisender mikrohistorischer Projekte in anderen Untersuchungsfeldern werden Voraussetzungen, Möglichkeiten und Interpretationslinien verdeutlicht, die den Prozeà der Erweiterung von Lokalgeschichte als allgemeine Geschichte kennzeichnen. Das Projekt PaÅki im 20. Jahrhundert wird auf diese Weise als methodisch und propädeutisch innovatives Vorhaben konturiert. In dieser Konzeptionalisierung wird einem auÃengeleiteten Wandel durch eigenen Wandel begegnet, der letzten Endes den äuÃeren erst als wirkmächtig konstituiert.
Die naturräumlichen Bedingungen für eine landwirtschaftliche Wertschöpfung mitteleuropäischer Typologie sind in der untersuchten Region vergleichsweise ungünstig. Die historische Grenzertragssituation zwang zu besonderen Formen der Arbeitsorganisation um eine Rentabilisierung ländlicher Wirtschaft zu bewältigen. Aus den jahreszeitlichen und jährlichen Schwankungen lokaler Arbeits- und Ertragskonjunktur wurden bereits vor Beginn des Untersuchungszeitraums spezifische Potentiale für diverse Migrationsprofile erschlossen. Durch Urbanisierung und die abweichenden saisonalen Profile industriellen Arbeitskräftebedarfs haben sich diese Optionen erweitert, die grundsätzliche landwirtschaftliche Prägung der lokalen Arbeitsökonomie jedoch im 20. Jahrhundert nicht abgelöst.
Das Kapitel zur Einführung in den geschichtliche Zusammenhang der Untersuchung beginnt mit der Entwicklung der Siedlungsform aus der Gemarkungsnutzung. Kriege, Wechsel der Herrschaftsträger unter Kontinuitäten der Herrschaftsmodi prägen das Ancien régime im Untersuchungsgebiet. Entfeudalisierung ist in diesem Umfeld eher repräsentativen Wechsels nur als langfristiger Prozeà unter Ausnutzung der Widersprüche zwischen unterschiedlichen Arrangements gleicher Struktur realisierbar und bleibt bis ins 20. Jahrhundert einschneidenden Rückschlägen unterworfen. Parallel dazu gewinnen die Klassenwidersprüche nachfeudaler, bürgerlicher Provenienz mit Beginn des 19. Jahrhunderts graduell an Bedeutung.
Das folgende Kapitel stellt einen mikrogeschichtlichen Strukturaufschluà des Sektors Milchwirtschaft zur Diskussion. Die Darstellung landwirtschaftlicher Produktion wird dabei im wesentlichen aus der externen Bedingtheit dörflicher Lebens- und Arbeitsformen entwickelt. Einzelbeispiele zeigen dabei die prosopographischen Möglichkeiten auf, in der dichten Beschreibung von der Familienprosopographie aufgrund schriftquellengestützer Rekonstitutionsleistung zur Analyse der im Produktionsprozeà real wirkmächtigen Haushalts- und Wirtschaftseinheiten zu gelangen. Der fokussierte Einsatz von Quellen aus oral history nimmt dabei einen experimentellen Charakter an. Die Gesamtheit einer Gemarkung wird auf diese Weise als auÃengeleiteter Kausalzusammenhang kenntlich, der in einer wechselnden Arbeitsteilung, die Hervorbringung von Marktproduktion leistet.
Die beiden darauf aufbauenden Kapitel gehen der sozialen Frage landwirtschaftlicher Erzeugung auf einer weitergefaÃten Ebene nach. Dabei geraten mehr oder weniger umfassend organisierte Interessen politischer Emanzipation mit der lokaler Infrastruktur faschistischen Terrors um 1941 in einen tiefgreifend polarisierenden Konflikt mit tödlichem Ausgang. In einer langfristig angelegten Recherche zur Vorgeschichte werden Ost- und Westmigration, Reimmigration und erneute Ostemigration als Kristallisationspunkt sozialer Emanzipationsvorstellungen im Spannungsfeld einer sich ethnisch artikulierenden politischen Repression greifbar. Auf diese Weise wird es möglich, den gesellschaftlichen Gegenentwurf kommunistisch organisierte Landarbeiter und Landwirte durch Wandlungsprozesse eines Paktierens und Taktieren mit mikropolitischen Konstellationen hindurch zu verfolgen. Die Akteure, so stellt sich heraus, agieren dabei unter Ausnutzung wechselnder Bezugsfelder in einem Prozeà zunehmender Brutalisierung gesellschaftlicher Auseinandersetzung. Vermittels der zunehmenden Ãberformung sozialer Bewegung durch ethnische Ordnungsmuster gelingt es, das Umfeld auf zweifelhafte Weise zu entpolitisieren. Die Volksrepublik übernimmt Elemente einer solchen Kultur des Rückzugs und Schweigens.
Die folgenden Analyse zur Landnutzungs- Demographie und Klientelstruktur vertiefen die Oberflächenbefunde und erweitern sie um entscheidende Erkenntnisse. Der Wandel langer Dauer von einer Standes- zu einer Klassen- und schlieÃlich einer lokalen Marginalgesellschaft wird am Beispiel PaÅki als Schnittpunkt struktur- und ereignisgeschichtlicher Entwicklung plausibel. Erörtert wird deshalb, warum Landbesitz anders gehandelt und behandelt wurde als er sich in verschiedenen Phasen ausgab. Besitzverhältnisse und Verschiebungen in der Besitzkategorie selber lassen sich auf diese Weise abwiegen und in ihrer sozialen Brisanz gewichten. Unter dieser Analysekorrektur werden Fragen in der longue durée bewertbar, so z.B. zu auswärtigen Eigentümern, zu Betriebsaufgaben und dem Diskussionskomplex zur Ent- und Reagrarisierung. Die Fallbeispiele Bagnowski und BaÅtruczyk illustrieren, daà eine soziale Programmatik, die darauf zielt in unterschiedlichen Ansätzen die Grenzen der Parzellierung zu überwinden eine weite Palette von Abstufungen vorweisen kann, in denen sie sich mit scheinbar kurzschrittigen Besitzstandssicherungen umgibt. Die für bäuerliche Gesellschaften als dominant postulierte Bindung von Privatinteresse an Privatgrund unterliegt so entschiedenen Relativierungen gesamtgesellschaftlicher Vermittlung.
Bevölkerungswissen wird am Beispiel der Gemeinde vor dem Hintergrund der Entwicklung zweier Jahrhunderte als Herrschaftswissen transparent, seine Organisation verrät die Organisierungsideale der Obrigkeit. Im gleichen MaÃe offenbart die Ãberlieferung seiner Struktur aber auch Widersprüche und Scheitern dieser Idealvorstellungen. Eine zentrale GröÃe, das reproduktive Intervall wird dementsprechend in diesem Spannungsfeld seriell vergleichend analysiert und als Brennpunkt einer Auseinandersetzung um Definitionsmacht, Norm und Recht auf Ausnahmeoptionen erfaÃbar. Die Struktur des reproduktiven Intervalls zeigt sich als ZielgröÃe gesellschaftlich organisierten Zwanges und Angriffspunkt auf das Individuum. Sie ist auf diese Weise eng verbunden mit der jeweilig materiell erstreitbaren sozialen Freiheit und ihrer Unterordnung unter den Verhaltenscodex reproduktiver Heuristik. Bei allen diesbezüglichen Quantifizierungserfolgen mit der ausführlich kontextuell eingeführten, regional einmaligen Quellenlage ist jedoch gerade die Offenheit des hier erarbeiteten Erklärungssystems erkenntnisleitend. In dieser Hinsicht verdienen ergänzende Faktoren Beachtung, I(m)-Wert, gruppenspezifische und biographische Dynamik demographisch relevanter Entscheidungsstrukturen. Mobilität als Migration, gesellschaftlicher Wandel und Verschiebungen prosopographischer Leitbilder können aufgrund der personalen Rekonstitution individueller Biographien in ihrer Wirkmächtigkeit einer Einschätzung unterzogen werden. Erfahrbar wird anhand der in ein Verhältnis zum Gesamtprozess gesetzten Fallstudien, daà sich die Akteure als prägend erweisen, die sich dem lokalen System gleichsam entziehen und sich nicht auf systematisch gestellte Angebote obrigkeitlicher Perspektiven einlassen.
Was sich anhand der Quellen am stringentesten quantifizieren läÃt, lag in der Linienführung bei der Produktion des Herrschaftswissen bereits vorstrukturiert. Dies betrifft demographische ebenso wie agrarwirtschaftliche Vermittlungsprozesse. Insofern ist eine genaue Brechung der Quellenstruktur und ihrer systematischen Fehler und Ausblendungen anhand peripherer Hinweise ein wesentliches Element, um Forschungsfragen quer zur Intention der Quellenlogik zu Verfolgen und in ihrer charakteristischen Lage im stochastischen Grenzbereich einer repräsentativen Aussagesicherheit angemessen einzuordnen. Mit dieser Methodik konnte eine zentrale Lebenslüge der Agrarreform 1944 als Besitzzersplitterung und nachfolgende Kollektivierungsutopie verworfen werden. Das Scheitern, das landesweit 1956 nachvollzogen wurde, war in diesem Prozeà vielmehr Intention beider Seiten einer dramatischen gesellschaftlichen Polarisation, die in PaÅki bereits ein Jahrzehnt früher zu einem historischen Kompromià fand, der die materielle Kultur der Volksrepublik entscheidend prägen sollte und so die soziale Frage nachhaltig aus dem öffentlichen Verhandlungsprozeà ausschloÃ. Die Analyse von Klientelnetzwerken vermittels Modellrechnungen kann eine Struktur erschlieÃen, die über Verwandtschaftsverhältnisse hinaus vertikale Fraktionierungen der dörflichen Fraktionierungen des dörflichen Produktions- und Reproduktionsprozesses registrierbar macht.
Die quantitativ und qualitativ ausgelotete Widersprüchlichkeit und Dynamik neuer Institutionen vor alten Fähigkeiten, die Auflösung des dörflichen Innen und AuÃen als Scheinwiderspruch und die Oszillation von räumlicher Siedlungsnähe in einen diffusen Verwandtschaftschaftsbegriff wird unter der MaÃgabe eines Wandels der örtlichen Produktionsöffentlichkeit in der langen Dauer des Untersuchungszeitraums abschlieÃend zur Diskussion gestellt. Das resümierende Kapitel skizziert im Gesamtzusammenhang und unter Aufbietung weiterer ereignisgeschichtlicher Substanz vor dem Hintergrund der erarbeiteten Strukturdispositive die Wandlungen des öffentlichen Vermittlungsgeschehens gesellschaftlicher, kultureller und ökonomischer Widersprüche vor Ort. Dabei bilden Krieg und Bürgerkrieg Akzente, die verdeutlichen, inwiefern Legalität und Illegalität auch in vermeintlichen Friedenszeiten als Politikform in der Agrarfrage interagieren. Als kennzeichnend für die kontextualisierbaren Wandlungsprozesse vor Ort erweist sich eine Politisierung des Wirtschaftens variabler Vermittlungsform, die von verschiedenen Parteiungen in divergierender Absicht zugespitzt wird. Eine maÃgebliche Rolle spielen dabei Tendenzen einer klerikalen Hegemonisierung lokaler Politik auf der Grundlage einer spezifischen Erbmasse des Zarismus. Diese trifft auf einen Widerstand, der die Postulate, Kategorien und Themenbesetzung des Hegemoniesystems charakteristischerweise übernimmt und in ihren Anwendungsmodi umkehrt. Lediglich in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts und der Folgezeit wird diese Erbfolge in gesamtgesellschaftlicher GröÃenordnung in Frage gestellt. Ein gescheiterter Kirchenbau, ein abgesetzter Versicherungsbetrüger als Ortsvorsteher und die Neuorganisation des Betrugs durch seinen Nachfolger dienen als Matrize für die Darstellung der Struktur des Ãffentlichen in Wandlungslinien langer Dauer. Dabei stellt sich auch die Langfristigkeit von Kriegsfolgen in einem ungewohnt plastischen Licht dar.
Als erste Instanz ihrer Bewältigung erweist sich die Schule. Als institutionell geronnene Aushandlungsform öffentlicher Reproduktion ist sie zentraler Vermittlungsort unterschiedlicher Verständnisse und Instrumentalisierungsstrategien von Produktionsöffentlichkeit. Anhand der Entwicklung der Schulsituation vor Ort kann die Vermittlung von Privatheit mit allgemeinpolitischen Ansprüchen konfessioneller Formierung ebenso wie einer gesamtgesellschaftlich verstanden Agronomie als Kontrolldispositiv dargestellt werden. Wissensvermittlung und Wissensaneignung stehen dabei in einem dialektischen Spannungsverhältnis, das als Auseinandersetzung zwischen Elementen der Selbst- und Fremdorganisation greifbar wird. An dieser Konfrontation erläutert sich abermals die Komplexität und Wirkmächtigkeit von Migrationsphänomenen im dörflichen Kontext. AuÃengeleitete Wertbildung und innengeleiteter Arbeitseinsatz sind als prinzipiell unvereinbare Widersprüche maÃgeblich Stichwortgeber für die Agenda öffentlicher Aushandlung - gewissermaÃen Geburtswehen einer nicht realisierten Produktionsöffentlichkeit, wie die Konzeptionalisierung des Kapitels vorschlägt. Auch hochgradig politisch, kirchenpolitisch oder revolutionär artikulierte Positionen haben ihre langfristige Mikroökonomie, die mit der Dorfökonomie nur lose Kongruenz erreicht. Dorfanliegen erweisen sich so als bewuÃt vorgebrachtes Konstrukt, das freilich mit der intendierten Wirkmächtigkeit nicht in allen Aspekten auseinanderfällt. Dabei bleibt die Untersuchung durchgehend dem Konkreten einer prosopographischen Geschichtsschreibung verpflichtet. Was in der polnischen Diskussion oft als âMaterielle Kultur (kultura materialna)â einem höhergradig flüchtigen âgeistigenâ oder gar âgeistlichenâ Kulturverständis entgegengesetzt wird, erweist sich in dieser Absicht geradezu als Angelpunkt, um Prozesse der lokalen Produktionsöffentlichkeit sinnfällig zu verifizieren. Ein Feld dieser Rekonstitutionsstrategie sind Aspekte der Elektrifizierung, ein zweites die Entwicklung und Handhabung von Schriftlichkeit durch die Subjekte der Geschichte vor Ort. Diese Analysepräferenz hilft, die bisweilen in der Diskussion ersatzweise verabsolutierend nachvollzogene Definitionsmacht religiöser und ethnischer Orientierungen auf ihre Voraussetzungen hin zu entzaubern. Das Herstellen von Begriffen der "Ethnizität" und "Natürwüchsigkeit" wird auf diese Weise beispielhaft dechiffrierbar als lokaler Traum vom reklerikalisierten Gutshof, privatwirtschaftlicher Naturschutz als Lückenphänomen eines marginalisierten Wertschöpfungsprozesses lokaler Ãkonomie zum Ende der Untersuchungsperiode.
Die Auflösung des Innen und AuÃen als Scheinwiderspruch gegenläufiger Instrumentalisierungen prägt den Prozeà des Wandels der Produktionsöffentlichkeit im vergangenen Jahrhundert.
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Martin Kraemer Liehn
ul. Shaumjana 8-2
UKR-04111 Kiev
Ukraine
Tel.. landline +38 044 449 07 01
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Das Forschungsvorhaben PaÅki - ein ostpolnisches Dorf 1900 - 2000" beschäftigte sich mit der Mikrogeschichte allgemeiner historischer Wandlungsprozesse über ein Jahrhundert. Im Mittelpunkt der Darstellung seiner Ergebnisse stehen die sozialen Beziehungen, die Landbewirtschaftung, sowie kollektive und individuelle Selbstverständnisse, wie sie in der Gemeinde PaÅki als Reaktion auf sukzessive Phasen verschiedener Integrationsversuche und ihrer strukturellen Konsequenzen in diesem Jahrhundert entwickelt wurden. Eine für Osteuropa selten günstige Quellenlage erlaubte, anhand von PaÅki, die im westeuropäischen Kontext etablierte Form moderner Gemeindestudien auf neuem Terrain zu erproben. Anhand von demographischen und ökonomischen Basisrecherchen (Familienrekonstruktion, ökonomische Aktivitätsprofile, Landstrukturdaten) wurde ein Bezugssystem etabliert, in dem sich komplexere soziale Prozesse, alltagsgeschichtliche Befunde bis hin zu Beobachtungen aus der Entwicklung materieller Kultur und prosopographischer Dialektik verortet werden können. Auf diese Weise wird ein umfassendes Bild dokumentierbar, in dem das Leben eines landwirtschaftlich geprägten ostpolnischen Dorfes und seine grundsätzlichen Veränderungen im vergangenen Jahrhundert zur Darstellung kommen.
Das Eingangskapitel skizziert Entwicklung und Stand projektrelevanter polnischer Dorfhistoriographie, sowie die methodisch richtungsweisenden Impulse moderner Mikrogeschichte. Anhand methodisch richtungsweisender mikrohistorischer Projekte in anderen Untersuchungsfeldern werden Voraussetzungen, Möglichkeiten und Interpretationslinien verdeutlicht, die den Prozeà der Erweiterung von Lokalgeschichte als allgemeine Geschichte kennzeichnen. Das Projekt PaÅki im 20. Jahrhundert wird auf diese Weise als methodisch und propädeutisch innovatives Vorhaben konturiert. In dieser Konzeptionalisierung wird einem auÃengeleiteten Wandel durch eigenen Wandel begegnet, der letzten Endes den äuÃeren erst als wirkmächtig konstituiert.
Die naturräumlichen Bedingungen für eine landwirtschaftliche Wertschöpfung mitteleuropäischer Typologie sind in der untersuchten Region vergleichsweise ungünstig. Die historische Grenzertragssituation zwang zu besonderen Formen der Arbeitsorganisation um eine Rentabilisierung ländlicher Wirtschaft zu bewältigen. Aus den jahreszeitlichen und jährlichen Schwankungen lokaler Arbeits- und Ertragskonjunktur wurden bereits vor Beginn des Untersuchungszeitraums spezifische Potentiale für diverse Migrationsprofile erschlossen. Durch Urbanisierung und die abweichenden saisonalen Profile industriellen Arbeitskräftebedarfs haben sich diese Optionen erweitert, die grundsätzliche landwirtschaftliche Prägung der lokalen Arbeitsökonomie jedoch im 20. Jahrhundert nicht abgelöst.
Das Kapitel zur Einführung in den geschichtliche Zusammenhang der Untersuchung beginnt mit der Entwicklung der Siedlungsform aus der Gemarkungsnutzung. Kriege, Wechsel der Herrschaftsträger unter Kontinuitäten der Herrschaftsmodi prägen das Ancien régime im Untersuchungsgebiet. Entfeudalisierung ist in diesem Umfeld eher repräsentativen Wechsels nur als langfristiger Prozeà unter Ausnutzung der Widersprüche zwischen unterschiedlichen Arrangements gleicher Struktur realisierbar und bleibt bis ins 20. Jahrhundert einschneidenden Rückschlägen unterworfen. Parallel dazu gewinnen die Klassenwidersprüche nachfeudaler, bürgerlicher Provenienz mit Beginn des 19. Jahrhunderts graduell an Bedeutung.
Das folgende Kapitel stellt einen mikrogeschichtlichen Strukturaufschluà des Sektors Milchwirtschaft zur Diskussion. Die Darstellung landwirtschaftlicher Produktion wird dabei im wesentlichen aus der externen Bedingtheit dörflicher Lebens- und Arbeitsformen entwickelt. Einzelbeispiele zeigen dabei die prosopographischen Möglichkeiten auf, in der dichten Beschreibung von der Familienprosopographie aufgrund schriftquellengestützer Rekonstitutionsleistung zur Analyse der im Produktionsprozeà real wirkmächtigen Haushalts- und Wirtschaftseinheiten zu gelangen. Der fokussierte Einsatz von Quellen aus oral history nimmt dabei einen experimentellen Charakter an. Die Gesamtheit einer Gemarkung wird auf diese Weise als auÃengeleiteter Kausalzusammenhang kenntlich, der in einer wechselnden Arbeitsteilung, die Hervorbringung von Marktproduktion leistet.
Die beiden darauf aufbauenden Kapitel gehen der sozialen Frage landwirtschaftlicher Erzeugung auf einer weitergefaÃten Ebene nach. Dabei geraten mehr oder weniger umfassend organisierte Interessen politischer Emanzipation mit der lokaler Infrastruktur faschistischen Terrors um 1941 in einen tiefgreifend polarisierenden Konflikt mit tödlichem Ausgang. In einer langfristig angelegten Recherche zur Vorgeschichte werden Ost- und Westmigration, Reimmigration und erneute Ostemigration als Kristallisationspunkt sozialer Emanzipationsvorstellungen im Spannungsfeld einer sich ethnisch artikulierenden politischen Repression greifbar. Auf diese Weise wird es möglich, den gesellschaftlichen Gegenentwurf kommunistisch organisierte Landarbeiter und Landwirte durch Wandlungsprozesse eines Paktierens und Taktieren mit mikropolitischen Konstellationen hindurch zu verfolgen. Die Akteure, so stellt sich heraus, agieren dabei unter Ausnutzung wechselnder Bezugsfelder in einem Prozeà zunehmender Brutalisierung gesellschaftlicher Auseinandersetzung. Vermittels der zunehmenden Ãberformung sozialer Bewegung durch ethnische Ordnungsmuster gelingt es, das Umfeld auf zweifelhafte Weise zu entpolitisieren. Die Volksrepublik übernimmt Elemente einer solchen Kultur des Rückzugs und Schweigens.
Die folgenden Analyse zur Landnutzungs- Demographie und Klientelstruktur vertiefen die Oberflächenbefunde und erweitern sie um entscheidende Erkenntnisse. Der Wandel langer Dauer von einer Standes- zu einer Klassen- und schlieÃlich einer lokalen Marginalgesellschaft wird am Beispiel PaÅki als Schnittpunkt struktur- und ereignisgeschichtlicher Entwicklung plausibel. Erörtert wird deshalb, warum Landbesitz anders gehandelt und behandelt wurde als er sich in verschiedenen Phasen ausgab. Besitzverhältnisse und Verschiebungen in der Besitzkategorie selber lassen sich auf diese Weise abwiegen und in ihrer sozialen Brisanz gewichten. Unter dieser Analysekorrektur werden Fragen in der longue durée bewertbar, so z.B. zu auswärtigen Eigentümern, zu Betriebsaufgaben und dem Diskussionskomplex zur Ent- und Reagrarisierung. Die Fallbeispiele Bagnowski und BaÅtruczyk illustrieren, daà eine soziale Programmatik, die darauf zielt in unterschiedlichen Ansätzen die Grenzen der Parzellierung zu überwinden eine weite Palette von Abstufungen vorweisen kann, in denen sie sich mit scheinbar kurzschrittigen Besitzstandssicherungen umgibt. Die für bäuerliche Gesellschaften als dominant postulierte Bindung von Privatinteresse an Privatgrund unterliegt so entschiedenen Relativierungen gesamtgesellschaftlicher Vermittlung.
Bevölkerungswissen wird am Beispiel der Gemeinde vor dem Hintergrund der Entwicklung zweier Jahrhunderte als Herrschaftswissen transparent, seine Organisation verrät die Organisierungsideale der Obrigkeit. Im gleichen MaÃe offenbart die Ãberlieferung seiner Struktur aber auch Widersprüche und Scheitern dieser Idealvorstellungen. Eine zentrale GröÃe, das reproduktive Intervall wird dementsprechend in diesem Spannungsfeld seriell vergleichend analysiert und als Brennpunkt einer Auseinandersetzung um Definitionsmacht, Norm und Recht auf Ausnahmeoptionen erfaÃbar. Die Struktur des reproduktiven Intervalls zeigt sich als ZielgröÃe gesellschaftlich organisierten Zwanges und Angriffspunkt auf das Individuum. Sie ist auf diese Weise eng verbunden mit der jeweilig materiell erstreitbaren sozialen Freiheit und ihrer Unterordnung unter den Verhaltenscodex reproduktiver Heuristik. Bei allen diesbezüglichen Quantifizierungserfolgen mit der ausführlich kontextuell eingeführten, regional einmaligen Quellenlage ist jedoch gerade die Offenheit des hier erarbeiteten Erklärungssystems erkenntnisleitend. In dieser Hinsicht verdienen ergänzende Faktoren Beachtung, I(m)-Wert, gruppenspezifische und biographische Dynamik demographisch relevanter Entscheidungsstrukturen. Mobilität als Migration, gesellschaftlicher Wandel und Verschiebungen prosopographischer Leitbilder können aufgrund der personalen Rekonstitution individueller Biographien in ihrer Wirkmächtigkeit einer Einschätzung unterzogen werden. Erfahrbar wird anhand der in ein Verhältnis zum Gesamtprozess gesetzten Fallstudien, daà sich die Akteure als prägend erweisen, die sich dem lokalen System gleichsam entziehen und sich nicht auf systematisch gestellte Angebote obrigkeitlicher Perspektiven einlassen.
Was sich anhand der Quellen am stringentesten quantifizieren läÃt, lag in der Linienführung bei der Produktion des Herrschaftswissen bereits vorstrukturiert. Dies betrifft demographische ebenso wie agrarwirtschaftliche Vermittlungsprozesse. Insofern ist eine genaue Brechung der Quellenstruktur und ihrer systematischen Fehler und Ausblendungen anhand peripherer Hinweise ein wesentliches Element, um Forschungsfragen quer zur Intention der Quellenlogik zu Verfolgen und in ihrer charakteristischen Lage im stochastischen Grenzbereich einer repräsentativen Aussagesicherheit angemessen einzuordnen. Mit dieser Methodik konnte eine zentrale Lebenslüge der Agrarreform 1944 als Besitzzersplitterung und nachfolgende Kollektivierungsutopie verworfen werden. Das Scheitern, das landesweit 1956 nachvollzogen wurde, war in diesem Prozeà vielmehr Intention beider Seiten einer dramatischen gesellschaftlichen Polarisation, die in PaÅki bereits ein Jahrzehnt früher zu einem historischen Kompromià fand, der die materielle Kultur der Volksrepublik entscheidend prägen sollte und so die soziale Frage nachhaltig aus dem öffentlichen Verhandlungsprozeà ausschloÃ. Die Analyse von Klientelnetzwerken vermittels Modellrechnungen kann eine Struktur erschlieÃen, die über Verwandtschaftsverhältnisse hinaus vertikale Fraktionierungen der dörflichen Fraktionierungen des dörflichen Produktions- und Reproduktionsprozesses registrierbar macht.
Die quantitativ und qualitativ ausgelotete Widersprüchlichkeit und Dynamik neuer Institutionen vor alten Fähigkeiten, die Auflösung des dörflichen Innen und AuÃen als Scheinwiderspruch und die Oszillation von räumlicher Siedlungsnähe in einen diffusen Verwandtschaftschaftsbegriff wird unter der MaÃgabe eines Wandels der örtlichen Produktionsöffentlichkeit in der langen Dauer des Untersuchungszeitraums abschlieÃend zur Diskussion gestellt. Das resümierende Kapitel skizziert im Gesamtzusammenhang und unter Aufbietung weiterer ereignisgeschichtlicher Substanz vor dem Hintergrund der erarbeiteten Strukturdispositive die Wandlungen des öffentlichen Vermittlungsgeschehens gesellschaftlicher, kultureller und ökonomischer Widersprüche vor Ort. Dabei bilden Krieg und Bürgerkrieg Akzente, die verdeutlichen, inwiefern Legalität und Illegalität auch in vermeintlichen Friedenszeiten als Politikform in der Agrarfrage interagieren. Als kennzeichnend für die kontextualisierbaren Wandlungsprozesse vor Ort erweist sich eine Politisierung des Wirtschaftens variabler Vermittlungsform, die von verschiedenen Parteiungen in divergierender Absicht zugespitzt wird. Eine maÃgebliche Rolle spielen dabei Tendenzen einer klerikalen Hegemonisierung lokaler Politik auf der Grundlage einer spezifischen Erbmasse des Zarismus. Diese trifft auf einen Widerstand, der die Postulate, Kategorien und Themenbesetzung des Hegemoniesystems charakteristischerweise übernimmt und in ihren Anwendungsmodi umkehrt. Lediglich in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts und der Folgezeit wird diese Erbfolge in gesamtgesellschaftlicher GröÃenordnung in Frage gestellt. Ein gescheiterter Kirchenbau, ein abgesetzter Versicherungsbetrüger als Ortsvorsteher und die Neuorganisation des Betrugs durch seinen Nachfolger dienen als Matrize für die Darstellung der Struktur des Ãffentlichen in Wandlungslinien langer Dauer. Dabei stellt sich auch die Langfristigkeit von Kriegsfolgen in einem ungewohnt plastischen Licht dar.
Als erste Instanz ihrer Bewältigung erweist sich die Schule. Als institutionell geronnene Aushandlungsform öffentlicher Reproduktion ist sie zentraler Vermittlungsort unterschiedlicher Verständnisse und Instrumentalisierungsstrategien von Produktionsöffentlichkeit. Anhand der Entwicklung der Schulsituation vor Ort kann die Vermittlung von Privatheit mit allgemeinpolitischen Ansprüchen konfessioneller Formierung ebenso wie einer gesamtgesellschaftlich verstanden Agronomie als Kontrolldispositiv dargestellt werden. Wissensvermittlung und Wissensaneignung stehen dabei in einem dialektischen Spannungsverhältnis, das als Auseinandersetzung zwischen Elementen der Selbst- und Fremdorganisation greifbar wird. An dieser Konfrontation erläutert sich abermals die Komplexität und Wirkmächtigkeit von Migrationsphänomenen im dörflichen Kontext. AuÃengeleitete Wertbildung und innengeleiteter Arbeitseinsatz sind als prinzipiell unvereinbare Widersprüche maÃgeblich Stichwortgeber für die Agenda öffentlicher Aushandlung - gewissermaÃen Geburtswehen einer nicht realisierten Produktionsöffentlichkeit, wie die Konzeptionalisierung des Kapitels vorschlägt. Auch hochgradig politisch, kirchenpolitisch oder revolutionär artikulierte Positionen haben ihre langfristige Mikroökonomie, die mit der Dorfökonomie nur lose Kongruenz erreicht. Dorfanliegen erweisen sich so als bewuÃt vorgebrachtes Konstrukt, das freilich mit der intendierten Wirkmächtigkeit nicht in allen Aspekten auseinanderfällt. Dabei bleibt die Untersuchung durchgehend dem Konkreten einer prosopographischen Geschichtsschreibung verpflichtet. Was in der polnischen Diskussion oft als âMaterielle Kultur (kultura materialna)â einem höhergradig flüchtigen âgeistigenâ oder gar âgeistlichenâ Kulturverständis entgegengesetzt wird, erweist sich in dieser Absicht geradezu als Angelpunkt, um Prozesse der lokalen Produktionsöffentlichkeit sinnfällig zu verifizieren. Ein Feld dieser Rekonstitutionsstrategie sind Aspekte der Elektrifizierung, ein zweites die Entwicklung und Handhabung von Schriftlichkeit durch die Subjekte der Geschichte vor Ort. Diese Analysepräferenz hilft, die bisweilen in der Diskussion ersatzweise verabsolutierend nachvollzogene Definitionsmacht religiöser und ethnischer Orientierungen auf ihre Voraussetzungen hin zu entzaubern. Das Herstellen von Begriffen der "Ethnizität" und "Natürwüchsigkeit" wird auf diese Weise beispielhaft dechiffrierbar als lokaler Traum vom reklerikalisierten Gutshof, privatwirtschaftlicher Naturschutz als Lückenphänomen eines marginalisierten Wertschöpfungsprozesses lokaler Ãkonomie zum Ende der Untersuchungsperiode.
Die Auflösung des Innen und AuÃen als Scheinwiderspruch gegenläufiger Instrumentalisierungen prägt den Prozeà des Wandels der Produktionsöffentlichkeit im vergangenen Jahrhundert.
- Addeddate
- 2012-02-09 17:18:08
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